Ich sehe tote Menschen

Dieser Satz aus dem Film „The Sixth Sense“ trifft es meiner Meinung nach ziemlich genau, wenn man versuchen müsste, mit einem Satz den Inhalt von „Knochen-Code“, der neuen Ausstellung im archäologischen Museum in Eggenberg, zu beschreiben. Im Grunde sagt dieser Satz auch alles über die Ausstellung selbst aus, aber dazu später mehr.

Die Marketing-Abteilung hat auf jeden Fall ganze Arbeit geleistet, was die Werbung angeht. Denn als ich das erste Mal las, worum es gehen sollte, war ich sofort Feuer und Flamme – verkappte Archäologin, die ich bin 😀 . Verschiedene namhafte österreichische Zeitungen haben ebenfalls darüber geschrieben, unter anderem der Standard.

Ein mittelalterlicher Kriminalfall?

Worum geht es? Vor vier Jahren ist in der Grazer Burg bei Bauarbeiten ein kleiner Friedhof aus dem 16. Jahrhundert entdeckt worden. Die Skelette stammen dabei von ganz unterschiedlichen Personen, eines sticht allerdings aus der Menge heraus: Der sogenannte „Bolzen-Georg“ hat ein Loch im Kopf und – was noch bemerkenswerter war – es steckte ein Stift unterhalb seines rechten Auges im Schädel, der nicht vollständig verrostet war. Forensiker, Mediziner und Anthropologen waren nun gefragt, herauszufinden, wie der Tote zu seinen Verletzungen gekommen war … Die Ergebnisse dieser Untersuchungen sind nun in der Ausstellung zu sehen.

Was beim „Knochen-Code“ ausgestellt ist

Ehe man den einzelnen Raum betritt (Größer ist die Ausstellung nämlich nicht), ist links am Eingang eine Tafel, die den Toten in Bezug zum ersten Weltkrieg setzt. Erster Weltkrieg? Was der wohl mit dem Toten zu tun hat? Die Antwort: nichts – zumindest nicht unmittelbar (Liest man den Untertitel der Ausstellung „Körper erzählen vom Krieg“ noch einmal, wird es zumindest etwas klarer).

Knochen-Code Ausstellung

Foto: UMJ / N. Lackner

In dem Ausstellungsraum fällt einem dann als erstes das überdimensionale Kunstwerk von Daniel Roth auf, das wohl als Kontrast zu dem Skelett auf der anderen Seite des Raumes dienen soll. Ich darf an dieser Stelle eine der Pressemitteilungen des Joanneums zur Ausstellung verlinken, da sich mir das Verständnis für die Installation ein wenig entzieht, muss ich gestehen …

Außer den beschriebenen beiden Objekten ist der Raum leer (siehe Foto), denn weitere Informationen zur Ausstellung gibt es nur mittels einer App. Wer sie nicht installieren kann oder will, muss sich ein iPad vor Ort leihen, mit dem man sich selbst die Inhalte ansehen kann.

Was mir bei der Ausstellung aufgefallen ist

Zu dieser Art der Wissensvermittlung möchte ich folgendes sagen: Ich finde die Idee mit einer App grundsätzlich ganz toll, aber man sollte sie meiner Meinung nach nicht als Hauptinformationsquelle einsetzen – eher als Erweiterung dessen, was man bereits gesehen und gelesen hat. Zusatzinformationen geben oder kleine Filme zeigen zu einzelnen Bereichen der Forschungsmethoden, wenn man sich da vertiefen will, so stelle ich mir das vor :). So ähnlich wie bei einem Audioguide, wo man eine Nummer aufrufen kann und dann mehr Infos erhält – wenn man das möchte.

Foto: UMJ / N. Lackner

Foto: UMJ / N. Lackner

Darüber hinaus fehlt in dem Zusammenhang etwas ganz Wichtiges: Es ist dringend ein Hinweis notwendig, wo man im Internet die App finden kann! Da wir eine Führung hatten, haben wir uns die Inhalte am iPad zeigen lassen – aber was tut jemand, der die Ausstellung auf eigene Faust erkunden möchte? Weder im Play-Store (Android) noch im iTunes Store (iPhone) findet man die App, wenn man nach dem Namen der Ausstellung oder nach dem Joanneum sucht. Und vielleicht möchte man sich nach dem Besuch der Austellung noch etwas ansehen?

Schriftliche, „altmodische“ Information sucht man wie bereits erwähnt beim „Knochen-Code“ vergebens. Man findet sie stattdessen außerhalb der Sonderschau in der Dauerausstellung, wo man sie – meiner Meinung nach – nicht suchen würde. Diese Informationen bestanden aus zwei großen A1 Papierbögen mit Fotos und Beschreibungen der Fundstelle, die einfach an die Wand geklebt waren. Aber – und das habe ich sehr schmerzlich vermisst – nirgendwo eine Übersicht, welche Methoden überhaupt angewandt wurden …

Mein persönliches Fazit

Ich habe noch nie eine Ausstellung gesehen, wo Medieninhalte so wenig aufeinander abgestimmt waren wie hier. Bild und Text sind meiner Meinung nach noch immer die Basis, um dem Besucher Informationen zu vermitteln. Was tut jemand, der mit einem iPad nicht umgehen kann bzw. möchte? Ich finde das sehr schade, denn eigentlich ist das Thema und der Titel dieser Ausstellung sehr spannend gewählt – man hätte die Inhalte einfach nur besser aufbereiten müssen.

2 Gedanken zu „Ich sehe tote Menschen

  1. Christoph

    Hallo Henriette,
    vielen Dank für das konstruktive Feedback.
    Gleich einmal vorne weg:
    Wir nehmen den Blogbeitrag zum Anlass, in der Ausstellung vor allem für jene Besucherinnen und Besucher, die kein Smartphone haben oder ein iPad nicht verwenden wollen, ein Booklet aufzulegen, das die grundlegenden Informationen zur Ausstellung in gedruckter Form bringt. Diese Unterlage kann frei entnommen werden. Ein weitere Schritt, den wir unbedingt setzen wollen: In jenen Stationen, die mit der Sonderausstellung in Dialog treten, werden wir die QR-Codes, die URL-Adresse und den Hinweis auf die kostenlose Wlan-Verbindung deutlich sichtbar anbringen.

    Und abschließend auch ein paar erklärende Worte, warum die Wissensvermittlung digital erfolgt:Vor zwei Jahren war unser Kurator Marko Mele zu Besuch im Naturhistorischen Museum in Wien, kurz nach der Eröffnung der neuen Anthropologischen Ausstellung und der „Digitalisierung“ der Mineralogie. Überall Touchscreens, Videos … In einem der Ausstellungsräume mit Objekten in alten Vitrinen sah er ein etwa 7 Jahre altes Kind, das mit seinem Zeigefinger versuchte, das Objekt wie an einem Touchscreen anzutippen. Eine Beobachtung, die nachdenklich stimmt und vielleicht Angst macht, die aber auch die Erwartungshaltung gegenüber der digitalen Wissensvermittlung zeigt.

    Welche Tools und warum „In-House“?
    Mithilfe von iPads, die an der Kasse angeboten werden, können auf einer „In-House-App“ zahlreiche Informationen abgerufen werden. Dass wir uns für eine In-House-Lösung entschieden haben, dafür waren rechtliche und budgetäre Gründe ausschlaggebend, aber auch die riesigen Datenmengen, die diese Apps aufgrund der zahlreichen Bilder und Videos haben. Für Besucherinnen und Besucher mit eigenem Smartphone gibt es ein „Online-App“, die wie eine auf Mobilgeräte abgestimmte Internet-Seite funktioniert. Ein QR-Code und eine URL-Adresse dazu befinden sich auf der Hinweistafel im Foyer des Archäologiemuseums. Im Archäologiemuseum ist eine kostenlose Wlan-Verbindung eingerichtet. Die Besucherinnen und Besuchern können so Informationen in Form von Texten, Fotos und Videos direkt bei den Objekten abrufen, ohne dass sie eine echte App installieren müssen. Im Foyer des Archäologiemuseum ist ein Touchscreen aufgestellt, mit dem die Online-App ausprobiert werden kann. In einem der Lichtschächte des Archäologiemuseums befindet sich eine Forschungszone mit schriftlichen Informationen, in denen Archäologie und Forensik miteinander verglichen werden. Dort sind auch Bildschirme und Hörstationen vorhanden, die Interviews mit einem Soziologen, einer Anthropologin, einer Forensikerin und einem Polizeibeamten zum Thema Gewalt bieten.

    Wir würden uns freuen, wenn du die Ausstellung erneut besuchen könntest und hoffen, dass sich für dich dann der Inhalt besser erschließt. Und vielleicht kannst du dich dann doch noch für die – wie wir finden – sehr gelungene Auseinandersetzung von Daniel Roth mit dem Thema begeistern.

    Liebe Grüße,
    Christoph
    (Leitung Presse und digitale Kommunikation)

    Antwort
  2. Pingback: Der erfolgreichste Artikel auf meinem Blog | [Der:Die:Das] Blog

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