Von Kunst keinen Dunst?

Manchmal laufen die Dinge schon komisch. Da hat man eine Idee zu einem Beitrag – und dann treten andere Dinge in den Vordergrund, die man als interessanter einstuft. Das Ende der Geschichte: Die Idee verschwindet irgendwie, geht vergessen. Manchmal passieren aber auch Dinge, die einen daran erinnern, da wollte man doch noch etwas schreiben …

Kunst sehen …

So geschehen bei meinem letzten Besuch im Kunsthaus Graz anlässlich des BigDraw-Festivals. Warum? Weil einer der Künstler in der Needle gearbeitet hat – und um dahin zu kommen, muss man an „Wer ich? Wen du?“ von Katharina Grosse vorbei (Ihr erinnert euch vielleicht, ich habe im Sommer bereits den Artikel „Kunst wie ein Kaleidoskop“ darüber geschrieben).

Kunsthaus Graz Katharina Grosse

… Kunst verstehen

Diese letzte Besichtigung hat mich an etwas Bestimmtes erinnert, was mir schon länger durch den Kopf geht: Warum sind erklärende Texte zu Ausstellungen oft so merkwürdig formuliert, dass man sie als Otto Normalverbraucher häufig schlecht oder gar nicht versteht? Man könnte fast meinen, Kunst muss absichtlich geheimnisvoll und unverständlich sein, damit sie quasi den „Eingeweihten“ vorbehalten bleibt …

Im Marketing wäre so etwas jedenfalls eine grobe Verletzung der Maxime „Die Sprache der Zielgruppe sprechen“ … Und auch wenn es Kunst- und Kulturbegeisterte sicher nicht gerne hören: Aus Sicht des Marketings ist eine Ausstellung, ein Bild oder eine Skulptur auch nur eine Ware, die dem Kunden – in diesem Fall dem Besucher – schmackhaft gemacht werden muss.

Klassischer Duktus?

Um zu erklären, was ich meine, habe ich ein paar Sätze aus dem Heftchen zur Ausstellung von Grosse genommen. Der erste Satz daraus bezieht sich auf die Arbeitsweise und -technik von Katharina Grosse:

„Die Sprühpistole bewirkt, dass Grosse den Malgrund nicht berühren muss und verhindert damit den klassischen Duktus, gestattet aber intensive Gesten und große Züge, denen die Handschrift der Künstlerin unweigerlich eingeschrieben ist.“

Ich vermute, die meisten von uns werden ungefähr beim Wort „Duktus“ aufhören zu verstehen, was gemeint ist. Im Duden steht als Erklärung für das Wort folgendes: „charakteristische Art der künstlerischen Formgebung, der Linienführung eines Kunstwerks“. Aha. Die Sprühpistole verhindert also die klassische, charakteristische Art der künstlerischen Formgebung. Einfacher ausgedrückt: Das Kunstwerk sieht durch die Sprühfarben anders aus, als man es gewohnt ist – oder?

Zone reiner Farbempfindung?

Folgender Satz ist in dem Heftchen mein ganz persönliches Highlight. Ich glaube, ich habe ihn mehrmals gelesen – und verstehe ihn bis heute nicht so wirklich:

„In der Rezeption wandelt sich das introvertierte Entstehen in eine große extrovertierte Geste, der performative Duktus wird in der Betrachtung nachvollziehbar, Zonen reiner Farbempfindung entstehen.“

Eine Rezeption bedeutet – ich zitiere wieder – die „verstehende Aufnahme eines Kunstwerks, Textes durch den Betrachtenden, Lesenden oder Hörenden“. Den Duktus kennen wir jetzt schon, bleibt noch performativ. Dieses Wort meint „eine mit einer sprachlichen Äußerung beschriebene Handlung zugleich vollziehend“ (Ungefähr zu diesem Zeitpunkt habe ich mir auch gedacht, ob der Duden es drauf anlegt, mich zusätzlich zu verwirren – aber das ist eine andere Geschichte :D) .

Für mich heißt das, dass das Kunstwerk sich ändert, wenn wir es betrachten. Obwohl es mehr oder weniger im stillen Kämmerlein und unbeobachtet entstanden ist, wird es vor unseren Augen zu einem auffälligen Objekt, mit dem wir uns auseinander setzen müssen / dürfen / können. Und: Was Zonen reiner Farbempfindung sein sollen, weiß ich bis heute nicht 😀 .

Konkrete, absolute und gestische Farben?

Hier noch ein Satz, der zwar nicht in Fremdwörtern untergeht, der mich aber trotzdem verwirrt zurücklässt: Konkrete Farben? Absolute Farben? Und auch noch gestische Farben? Weiß jemand, was ich mir darunter vorzustellen habe?

„Die Farbe hat sich vom Gegenstand gelöst, ist in den Raum vorgedrungen: von geometrisch, konkret, absolut bis gestisch, weich und musisch.“

Skulpturales Malen?

Das letzte Beispiel habe ich eigentlich nur herausgesucht, um generell den Stil des Textes ein wenig zu zeigen. Ich gebe zu, ich habe nicht viel Erfahrung damit, Beschreibungen von Kunstwerken zu verfassen (eigentlich gar keine), trotzdem wirkt der Text auf mich irgendwie … merkwürdig. Frei nach dem Motto: Was will mir der Verfasser damit eigentlich sagen:

„Katharina Grosse versteht ihre Malerei als räumliches Erlebnis, sie malt – so könnte man sagen – skulptural. Durch die grelle Farbigkeit bindet sie die dreidimensionale Wirklichkeit zum realen Bildgegenstand eines eingefrorenen Moments – hier eines überdimensionalen, scheinbar zufällig niedergelegten Tuches.“

Seht ihr jetzt, was ich eingangs gemeint habe? Warum ich verwirrt bin? Wobei ich nicht mehr glaube, dass sich Kunstliebende und Künstler nicht verständlich ausdrücken können. Denn als wir im Frühjahr bei einer exklusiven Führung für die Frans einen Blick auf das noch nicht fertige Kunstwerk von Grosse werfen durften, hatte ich erstmals die Gelegenheit, es anders kennenzulernen 🙂 …

7 Gedanken zu „Von Kunst keinen Dunst?

  1. Joanneum (@Joanneum)

    Hallo Henriette,
    vielen lieben Dank für das konstruktive Feedback. Dieses Thema kam auch in der Gesprächsreihe „Zum Beispiel Kunsthaus“ (www.museumsblog.at/zumbeispielkunsthaus) zur Sprache. Uns ist bewusst – und das nicht erst seit der Gesprächsreihe – dass wir bei den Texten noch Luft nach oben haben. Sowohl, was diverse Drucksorten als auch unseren Onlineauftritt betrifft. Wir arbeiten auch schon an Lösungen. Ich verrate hier jedenfalls nicht zuviel, wenn ich schreibe, dass wir in diesem Zusammenhang 2015 einiges ändern.

    Liebe Grüße
    Christoph Pelzl
    (Presse und digitale Kommunikation)

    Antwort
  2. Pingback: Von Kunst keinen Dunst | Wortadel

  3. Harald Moskon

    Was soll ich da noch sagen, es trifft den Nagel auf den Kopf bzw. wenn ich es mir genauer überlege, sind solche Flyer / Texte für mich ein Grund warum ich diverse Ausstellungen nicht besuche frei nach dem Motto „Wie soll ich das verstehen?“ Was mich jedoch in diese Ausstellung gelockt hat, war die Fran Führung die mir ein Verständnis gebracht hat mit Freiraum meiner eigenen Interpretation.
    Toll geschrieben

    Antwort
  4. tina bellmanns

    guter artikel! manchmal muss man kunst aber auch nicht komplett verstehen, sondern einfach fühlen, selbstinterpretieren, denke ich. Besonders politische und ethische Werke faszinieren mich da leichter. zB dieser japanische Künstler hat mich total beeindruckt :
    http://smart-magazine.com/space/substance-style/
    und die politische/künsterlische Aussage dürfte allen schnell klar werden, oder ??

    Antwort
    1. Henriette Autor

      Liebe Tina, danke für dein Kompliment :-). Nicht dass du es falsch verstanden hast: Kunst ist für mich sowieso etwas sehr Persönliches und Emotionales, das jeder anders erlebt. Ich wollte nur verdeutlichen, dass die Beschreibungen einen Leser oft mehr verwirren als ihm nützen :-).

      Antwort
  5. Pingback: Museumsblog neu – Einladend, offen und ehrlich | Anita Brunner-Irujo

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