Rezension: Dave Eggers – „Der Circle“

„Der Circle“ ist mit Sicherheit ein Buch, für dessen Werbung sich der deutsche herausgebende Verlag Kiepenheuer & Witsch wirklich angestrengt hat. Leser, Blogger und Fotografen waren dazu eingeladen, unter dem Hashtag „dercircle“ sich oder den Roman beim Lesen zu fotografieren. Auf der Website dercircle.de werden diese Fotos noch immer gebündelt dargestellt. Es kann sich also jeder als Teil der „Circle“-Gemeinde verstehen, wenn er möchte.

"Der Circle" Website


Wie man sieht, funktioniert die Aktion immer noch sehr erfolgreich 🙂 … Worum geht es also in dem Roman? Ich bin mal so frei und zitiere aus dem Klappentext.

Der Klappentext

Huxleys „Schöne neue Welt“ reloaded: Die 24-jährige Mae Holland ist überglücklich. Sie hat einen Job ergattert in der hippsten Firma der Welt, beim „Circle“, einem freundlichen Internetkonzern mit Sitz in Kalifornien, der die Geschäftsfelder von Google, Apple, Facebook und Twitter geschluckt hat, indem er alle Kunden mit einer einzigen Internetidentität ausstattet, über die einfach alles abgewickelt werden kann. Mit dem Wegfall der Anonymität im Netz – so ein Ziel der „drei Weisen“, die den Konzern leiten – wird es keinen Schmutz mehr geben im Internet und auch keine Kriminalität. Mae stürzt sich voller Begeisterung in diese schöne neue Welt mit ihren lichtdurchfluteten Büros und High-Class-Restaurants, wo Sterneköche kostenlose Mahlzeiten für die Mitarbeiter kreieren, wo internationale Popstars Gratis-Konzerte geben und fast jeden Abend coole Partys gefeiert werden. Sie wird zur Vorzeigemitarbeiterin und treibt den Wahn, alles müsse transparent sein, auf die Spitze. Doch eine Begegnung mit einem mysteriösen Kollegen ändert alles …

Meine Meinung zum Buch

„Der Circle“ hat mittlerweile ein ganz gewaltiges Rauschen im Blätterwald verursacht, kaum eine deutsche Zeitung, die nicht wenigstens einen Artikel darüber geschrieben hat – mit allen Konsequenzen. Die Meinungen erinnern an „himmelhochjauchzend zu Tode betrübt“ … Es fällt mir jetzt gar nicht mal so leicht, dieses Buch für mich zu bewerten, da ich sowohl Kritik als auch Lob nachvollziehen kann. Einen Nobelpreis für Literatur wird Eggers für den Roman bestimmt nicht bekommen, dafür ist der Stil viel zu schlicht. Die meiste Zeit erinnert er an einen Jugendroman (Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich es mir wohl auf Englisch gekauft, damit hätte ich zumindest mein Englisch-Verständnis ein wenig trainiert).

Die Hauptfigur Mae kann man bestenfalls nur als naiv bezeichnen. Kein einziges Mal kommt sie auf die Idee, dass der große, allmächtige Circle vielleicht andere Interessen hat als die, die das Unternehmen seinen Kunden weismacht? Während ihre Eltern und ihr früher Freund ihre Arbeit und das Unternehmen kritisch sehen, schluckt sie vor allem gegen Ende des Romans eigentlich alles, was man ihr vorsetzt (im wahrsten Sinn des Wortes) und findet alles toll im Circle. Vereinzelte Versuche am Anfang, auf eigene Faust Kajak fahren zu gehen (und dies nicht im entsprechenden sozialen Netzwerk des Circle zu teilen) oder ein Wochenende komplett offline bei ihren Eltern zu verbringen, werden kritisiert und ihr wird vorgeworfen, sich nicht genügend in die Gemeinschaft des Unternehmens einzubringen.

Thesen aus "Der Circle"

Die Maxime des Circle

Bei mir als Leserin setzte das Gefühl, dass die Welt des Circle ein großes, inszeniertes Theater ist, jedenfalls schon recht bald ein … Dieses ungute Gefühl verstärkte sich von Seite zu Seite – und trotzdem ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass ein normal denkender Mensch doch irgendwann einmal zur Besinnung kommen muss. Die totale Transparenz? Jeden Tag von morgens bis abends im Licht der Aufmerksamkeit stehen? Schon alleine bei dem Gedanken daran dreht sich mir der Magen um … Vielleicht war dies auch der Grund, warum ich das Buch nicht aus der Hand legen konnte, weil ich wissen wollte, wie schlimm es noch werden kann?

An verschiedenen Stellen wird betont, dass das Buch auch als Satire zu sehen ist … Dies ist vor allem im letzten Drittel so, hier wird es Gott sei Dank unglaubwürdig. Politiker werden freiwillig transparent, um ihre Seriosität zu betonen? Eher friert wohl die Hölle zu 😀 . Und auch das Projekt, Kindern Chips unter die Haut zu pflanzen, um sie vor Kindesmissbrauch zu schützen? Naja … Ich glaube, hier drückt Eggers absichtlich extrem auf die (Klischee)Tube, um den durchschnittlichen amerikanischen Leser wachzurütteln (Dass das Thema Datenschutz in den USA nicht so wichtig wie bei uns eingestuft wird, kann man unter anderem hier sehen). Aus demselben Grund beschleunigt er auch die Entwicklung verschiedener Technologien und Ideen, von denen ich glaube, dass sie in Wirklichkeit noch länger brauchen werden, um marktreif zu werden.

Mein Fazit

Der Roman ist stilistisch wie inhaltlich kein absolutes Highlight, hat aber vielleicht gerade deswegen gute Chancen, Menschen anzusprechen, die der Meinung sind, dass sie „im Internet nichts zu verbergen“ haben. Denn die Problematik ist aktuell wie nie … Ich denke auch jetzt immer wieder an das Buch, wenn ich verschiedene IT-Schlagzeilen lese. Wir werden vielleicht nicht in den nächsten Jahren dieses Szenario erleben, aber wenn wir nicht lernen, sinnvoll mit der Digitalisierung umzugehen, wird uns vielleicht genau das blühen, was in dem Roman beschrieben wird.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s